Wie das Bezirksamt „Am Lokdepot“ schönredet

Im Juli 2010 hatten die Bürgerinnen und Bürger nur etwa zwei Wochen Zeit, ihre Einwände gegen den Bebauungsplan 7-1 beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg einzureichen.

Ganze zweieinhalb Jahre vergingen, bis das Bezirksamt nun die Auswertung dieser Bedenken ausgewertet und ihre Abwägungsergebnisse veröffentlicht hat. Für die Kommentare von Behörden liegen nun 24 Seiten Abwägung vor, für die von 43 Bürgern wurden es rekordverdächtige 121 Seiten. Die erfreulich rege öffentliche Beteiligung an der Bauplanung zeigt, wie überraschend das Projekt eines komplett geschlossenen Häuserriegels hinter der Eylauer Straße Mitte 2010 war und wie kontrovers es bis heute ist!

Das Ergebnis der Bemühungen des Bezirksamts ist jedoch als Zumutung anzusehen. Zum einen enthält es grobe sachliche Fehler. Und der große Umfang des Dokuments kommt nur zustande, weil in endloser Wiederholung Textbausteine aus der Begründung des inzwischen überarbeiteten und konkretisierten B-Plan-Entwurfs hintereinanderkopiert wurden. Eine konkrete Auseinandersetzung mit der öffentlichen Kritik findet kaum statt. Dabei konzentrieren sich die geäußerten Bedenken auf wenige, dabei allerdings grundsätzliche Punkte, die wir hier zusammenfassen:

1.) Der Umfang der geplanten Bebauung raubt den Häusern der Eylauer Straße Licht und Luft und „verschlechtert die ohnehin nicht privilegierte Lage zusätzlich“. Die bestehende Bebauung „wird zu einer Hinterhofsituation herabgesetzt“. (Amt für Stadtplanung Kreuzberg, Behördenbeteiligung S. 19) In ähnlicher Weise äußern sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger (Beteiligung der Öffentlichkeit S. 1, 12, 20, 21, 22, 68) Auf Seite 63 schreibt ein Anwohner: „Ich habe in der Eylauer Straße eine Dachwohnung vor allem wegen der freien Aussicht, des Lichts, der Luft und der Ruhe bezogen. Der uns gegebene Lebensraum wird durch die Bezeichnung ,unattraktive Fassade’ diffamiert.“ Städtebaulich-historisch sei die Schließung des Blocks falsch (S. 80).

2.) Die zulässige Geschossflächenzahl wird „eklatant überschritten“. (Beteiligung der Öffentlichkeit S.31)

3.) Die Zufahrt der Feuerwehr zu den Höfen der Eylauer Straße ist nicht mehr gewährleistet (Beteiligung der Öffentlichkeit S.41, 50)

4.) Die Folgen für das Stadtklima sind negativ; gegen die Zielsetzung des Umweltatlas wird verstoßen (Amt für Umwelt Kreuzberg, Behördenbeteiligung S. 11; Beteiligung der Öffentlichkeit S.17, 25, 35, 44, 82)

5.) Die Lage an der Bahn und gegenüber dem Lidl-Markt ist für nachhaltigen Städtebau ungeeignet. Bahngleise und Discounter-Markt sind erhebliche Lärmquellen, das offene Gelände unter dem Stellplatz ist bedenklich. Ein Bürger (S. 79) schreibt: „Unsere Befürchtung ist, dass, wenn nach ein paar Jahren der Reiz des Neuen verflogen ist, eine Art neues Kottbusser Tor entstanden sein wird (ebenfalls hoch lärmbelastet, hohe, relativ homogene sich durch die Landschaft schlängelnde Bebauung)“.

Bis zu 27 Metern Fassadenhöhe

Das Bezirksamt sagt dazu:
– Der architektonische Entwurf sieht unter Berücksichtigung der Bestandsbebauung nun eine Höhenstaffelung vor, deren maximal zulässige Oberkanten zwischen 60,5 m und 68,8 m über NHN festgesetzt werden. Eine durchgängig gleichbleibende Gebäudehöhe wird somit vermieden.
– An der Monumenten- sowie der Dudenstraße wird eine Gebäudehöhe von ca. 22,0 m erreicht, die sich an die Gebäudehöhen der Bestandsbebauung anpasst.
– Im mittleren Teil des Gebäuderiegels wird die Gesamthöhe um bis zu 8,3 m abgestuft.

1.) Diese „differenzierte Höhenentwicklung“ sieht dem „Projektplan/Lageplan“ zufolge konkret so aus:
Von den etwa 300 Metern Gebäudelänge liegen nur 14 Meter oder fünf Prozent 8,3 Meter unter der Maximalhöhe (ein einziges schmales Gebäude auf Höhe der Eylauer Str. 11). Selbst dort überragt die Fassade das Gelände an den Depothallen um 21,50 Meter. (Die „Oberkante Ausstieg“ liegt noch einmal drei Meter darüber.)

Das Nachbarhaus nach Süden soll bereits fünf Meter höher werden, seine Fassade erhebt sich somit 26,50 Meter über Geländeniveau. Zur Dudenstraße hin folgt eine weitere, nochmal drei Meter höhere Stufe. Hier, am Fuße der Fußgängertreppe zur Dudenstraße, soll eine Fassade von 29,80 Metern Höhe – mit entsprechender optischer Wirkung – hochgezogen werden!

Die Berliner Traufhöhe von 22 Metern wird von dem geplanten Bau mit Ausnahme des einen 14-Meter-Abschnitts durchgängig überschritten:
Es beginnt bei 23 Metern (mit Ausstieg sogar 26 Meter) an der Monumentenstraße, an der Kehre der Fahrradrampe werden 25 Meter Gebäudehöhe erreicht, auf Höhe der Eylauer Str. 7 sind es dann zwischen 26 und 27 Meter, bevor die Werte wieder sinken.

2.) Nur 15 Meter Abstand
„Der Abstand von der hofseitigen Fassade zu den bestehenden Fassaden der rückwärtigen Bebauung der Eylauer Straße beträgt somit ca. 20 m an der schmalsten Stelle bis hin zu ca. 40 m an der tiefsten Stelle. …Somit wird, trotz der Einschränkungen durch die Neubebauung, ausreichend Freifläche im neuen Innenbereich geschaffen, so dass eine Privatsphäre erhalten bleibt.“

Hier hat das Bezirksamt falsch gemessen oder beschönigt wissentlich die Lage: Der Abstand der Brandmauer und damit der Wohnungen zum geplanten Neubau beträgt an der Eylauer Straße 11 lediglich 15 Meter, der maximale Abstand an der Eylauer Str. 2/3 lediglich 30 Meter. [abgesehen von den innen befindlichen Treppenhäusern und Balkonen] Eine solche falsche Angabe des Bezirksamts in einem wesentlichen Punkt ist völlig inakzeptabel !

3.) Keine Rettungswege für Altbebauung!
Zur Frage des Feuerwehrzugangs schreibt das Bezirksamt lakonisch (S. 41):
„Die von der Berliner Feuerwehr wahrzunehmenden öffentlichen Belange werden durch den Bebauungsplan nicht berührt. Es ist davon auszugehen, dass alle erforderlichen Rettungszugänge für diesen Bereich vorhanden sind.“

Dabei weiß schon ein Dreijähriger, dass Feuerwehrautos nicht durch Mauern fahren können!

Auf S. 71 schreibt das Bezirksamt dann plötzlich: „Im Rahmen der nachfolgenden Baugenehmigungsverfahren werden Rettungszuwegungen geprüft, damit es nicht zu einer Gefährdung der angrenzenden Wohn- und Arbeitsbevölkerung kommt.“

Wir hoffen, dass das Bezirksamt bei der Abwägung der neuen Einwendungen, die auf den neuen Bebauungsplan 7-1VE im März eingereicht wurden, sorgfältiger arbeitet und für uns weiterhin gesundes und sicheres Wohnen gewährleistet wird!

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